Dipl.-Ing. (FH) Rolf Beitz erläutert die Digitalisierung der Energiewende auf der diesjährigen "home²" in Hamburg | © Dagmar Hotze
Dipl.-Ing. (FH) Rolf Beitz erläutert die Digitalisierung der Energiewende auf der diesjährigen "home²" in Hamburg | © Dagmar Hotze
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BIM im Kontext von Smart Buildings und der Digitalisierung der Energiewende

 

Building Information Modeling, kurz BIM, ist eines der Innovationsthemen der Bau- und Immobilienwirtschaft. Während sich einige der größeren Planungsunternehmen bereits mit der digitalen Methode auseinandersetzen, kommt BIM im Mittelstand erst langsam in Fahrt. Einer der Vorreiter ist die Hamburger Q-Data Service GmbH, ein auf vernetzte Wohngebäude und vernetzte Gewerbeimmobilien spezialisiertes Elektro- und IT-Unternehmen. Homenet24 hat sich mit Dipl.-Ing. (FH) Rolf Beitz über die Vorteile von BIM für die Planung von Smart Buildings unterhalten und ihn nach den Herausforderungen gefragt. 

 

Homenet24: BIM ist in aller Munde. Doch von einer flächendeckenden Anwendung von BIM ist die Bau- und Immobilienbranche noch weit entfernt. Nutzen Sie bereits die Möglichkeit digital zu planen?

 

Dipl.-Ing. Rolf Beitz: Sicherlich nehmen wir unsere Elektroplanung schon jetzt auch mit Hilfe digitaler Medien vor, nicht nur aus Gründen der Effizienz und Einfachheit. Von BIM im eigentlichen Sinne möchte ich in dem Zusammenhang aber nicht sprechen - hier liegt der Ball eindeutig bei den Generalunternehmern und Auftraggebern, die dies als Anforderung derzeit (noch) nicht nachfragen.

 

Homenet24: Welche Vorteile könnte BIM Ihnen in Zukunft für die Zusammenarbeit mit anderen Planern und Gewerken bieten?

 

Dipl.-Ing. Rolf Beitz: Nun, die Vorteile bieten sich ja schon jetzt. Denn sowohl im Bezug auf die Geschwindigkeit des Planungsablaufs, als auch auf eine bessere Übersicht, sowie (ganz wichtig) der Identifikation von Planungsfehlern und Problemen, ist das gemeinsame Arbeiten an einem zentral verwalteten Datenmodell natürlich enorm hilfreich. Als Stichwort sei hier nur der Begriff „Kollisionsanalyse“ zu nennen!

 

Mehr Transparenz, bessere Zusammenarbeit

 

Homenet24: Was meinen Sie ändert sich durch die digitale Gebäudeplanung im Hinblick auf die Projektqualität? Wird die Planung genauer oder weniger zeitintensiv? Werden Abstimmungsprozesse einfacher, transparenter?

 

Dipl.-Ing. Rolf Beitz: Transparenz ist ein wichtiger Punkt, denn Planer und insbesondere auch der Auftraggeber erhält durch BIM jederzeit Einblick über den Fortschritt seines Bauprojektes. Er sieht das Gebäude quasi digital wachsen, bevor der erste Spatenstich stattfindet. Dies schafft nicht nur eine bessere Projektübersicht, sondern hilft vor allen Dingen den nachgeordneten Planern der einzelnen Gewerke, Probleme und mögliche Komplikationen frühzeitig zu erkennen, die sonst meist nur während er Bauphase in Erscheinung treten und erst dann arbeits- und kostenintensiv nachgebessert werden müssen, was ja auch oftmals Verzögerungen in der Realisierung nach sich zieht. Ich glaube, jeder kennt solche (zugegeben extremen) „Negativbeispiele“ aus der Presse, über die wir alle schon gelacht bzw. die Stirn gerunzelt haben.

 

Homenet24: Ist BIM vielleicht auch ein MUSS, um technisch sehr komplexe Planungen zu bewerkstelligen, wie etwa die von Smart Buildings?

 

Dipl.-Ing. Rolf Beitz: Selbstverständlich ist BIM auch ein wichtiges Thema in der intelligenten Gebäudeautomation bzw. der Planung des Gesamtgebäudes und seine Bedeutung wird zukünftig sicherlich auch stärker wachsen. Man schaue sich hierzu nur die Zahl und Komplexität der rechtlichen Vorgaben und Anforderungen an, die in den letzten Jahren an die Bauherren und ihre Architekten gestellt wurden, insbesondere was den Primärenergieverbrauch angeht. Hier sei beispielsweise die Entwicklung vom KfW 70 über KfW 55/50 zum KfW 45/45-Plus Gebäudestandard zu nennen oder die in der EU-Gebäuderichtlinie 2010 festgeschriebene Vorgabe, kommunale Neubauten ab Dezember 2018 nur noch nach Niedrigstenergiestandard zu planen. Diese gilt im übrigen ab Dezember 2020 für alle neuen Gebäude. Das EEwärmeG und die EnEV sollen zum GebäudeEnergieGesetz (GeG -verschoben bis nach der Bundestagswahl) verschmelzen; da blicken selbst wir Energieeffizienzexperten kaum noch durch.

 

Um alle diese Vorgaben zu erfüllen, ohne sich ständig durch Berge von Verordnungen, deren Änderungen und sonstige Fachliteratur wälzen und „up-to-date“ halten zu müssen, ist so ein digitales Datenmodell aus meiner Sicht zukünftig unerlässlich. Sind hier alle Rechtsvorschriften eingearbeitet, kann der Planer oder Architekt bereits direkt im Entwurf und bei der Auswahl der gebäudetechnischen Komponenten erkennen, ob er die (sich zukünftig sicher verschärfenden) Gebäudeeffizienzvorgaben einhält. Durch Variation der Gebäudeparameter erhält er zudem die Chance, seiner eigentlichen Tätigkeit gerecht zu werden und seinen gestalterischen Anspruch umzusetzen, wobei er gleichzeitig erkennen kann, ob die normativen Vorgaben berücksichtigt werden.

 

Ohne BIM lässt sich die Komplexität von Bauvorhaben nicht mehr abbilden

 

Homenet24: Wie schätzen Sie die Stellung von BIM zukünftig ein. Werden digitale Planungsinstrumente unter Umständen für die Auftragsvergabe relevant?

 

Dipl.-Ing. Rolf Beitz: Wie oben schon ausgeführt, werden die rechtlichen Vorgaben für die Gebäudeplanung wachsen und dadurch wird auch die Technische Gebäudeausrüstung (TGA, insbesondere im Bereich HKL) immer komplexer. Effizenzgewinne werden sich zudem nur in der Vernetzung und dem intelligent gesteuerten Zusammenspiel der Komponenten erreichen lassen. Nehmen Sie allein die Heizungstechnik: wo früher ein „simpler Brenner“ die Versorgung des Gebäudes mit Wärme und Trinkwarmwasser sicherstellte, gibt es heute eine vielfältige Auswahl gleich mehrerer verschiedenartiger Heizsysteme, von Wärmepumpe über Solarthermie bis Nahwärmenetz und direkter elektrischer Wärmeerzeugung aus Überschussstrom.

 

Hier sind Fachleute gefragt, die mit ihrer Expertise und Erfahrung in ihren einzelnen Gewerken nur im Zusammenspiel und durch gemeinsame Planung mit anderen Fachleuten ein tragfähiges, smartes Gebäudeenergiekonzept realisieren können. Somit wird sich BIM als Werkzeug im Baubereich nicht nur als relevant, sondern viel mehr als absolute Notwendigkeit herausstellen, um an zukünftigen Projekten mitwirken zu können.

 

Ich vergleiche die Frage nach der Unerlässlichkeit zum Aufbau von BIM-Knowhow immer gern mit der aktuellen Diskussion um die aufkommende Elektromobilität: Wer glaubt, im Hinblick auf die steigenden Anforderungen an zukunftsfähige Gebäude so weitermachen zu können wie bisher, wird vermutlich bald nur noch die Rücklichter seiner Mitbewerber sehen.

 

Homenet24: Herr Beitz, wir danken Ihnen für das Gespräch.